Bad Berleburg

Höhe:420 m ü. NHN
Flä­che:275,52 km2
Ein­woh­ner:18.709 (31. Dez. 2021)
Bevöl­ke­rungs­dich­te:68 Ein­woh­ner je km2
Post­leit­zahl:57319
Vor­wah­len:02751, 02750, 02755, 02758, 02759
Kfz-Kenn­zei­chen:SI, BLB
Gemein­de­schlüs­sel:05 9 70 004
LOCODE:DE BBE
Stadt­glie­de­rung:23 Orts­tei­le
Adres­se der
Stadt­ver­wal­tung:
Post­stra­ße 42
57319 Bad Berleburg
Web­site:www​.bad​-ber​le​burg​.de
Sta­tis­ti­sche Angaben

Bad Ber­le­burg (bis 1971 Ber­le­burg) ist eine Klein­stadt im nord­rhein-west­fä­li­schen Kreis Siegen-Wittgenstein.

Geographie

Geographische Lage

Bad Ber­le­burg liegt als flä­chen­mä­ßig größ­te Stadt im Nord­os­ten des Krei­ses Sie­gen-Witt­gen­stein mit­ten im Rot­haar­ge­bir­ge. Nahe der Kern­stadt befin­det sich die Mün­dung der Ode­born in die Eder. Die Gren­ze im Wes­ten ist gleich­zei­tig Kreis­gren­ze zum Kreis Olpe. Im Nor­den schließt sich der Hoch­sauer­land­kreis (HSK) an, die Ost­gren­ze bil­det die Lan­des­gren­ze zum Land Hes­sen. Die Stadt Bad Laas­phe grenzt im Süden und die Gemein­de Erndte­brück im Süd­wes­ten an.

Etwa 23 Kilo­me­ter ent­fernt liegt die aus dem Win­ter­sport bekann­te Stadt Win­ter­berg, wel­che ein idea­les Aus­flugs­ziel im Win­ter sowie im Som­mer bie­tet. Ehe­mals gehör­ten die Höhen­dör­fer Lan­ge­wie­se, Neu­as­ten­berg, Moll­sei­fen und Hohe­leye mit zum Amt Ber­le­burg, des­sen Orte ansons­ten mit dem Sauer­land-Pader­born-Gesetz vom Novem­ber 1974 größ­ten­teils an die Stadt Bad Ber­le­burg gin­gen. Sie gehö­ren seit­her zu Win­ter­berg und lie­gen im Hochsauerlandkreis.

Nied­rigs­ter Punkt des Stadt­ge­biets ist der Aus­fluss der Eder bei Bed­del­hau­sen auf etwa 353,8 m ü. NHN im Süd­os­ten, wäh­rend der höchs­te Punkt mit 789 m am West­hang von Zie­gen­hel­le und Wal­lers­hö­he im äußers­ten Nord­os­ten liegt. Höchs­ter Gip­fel ist der des 771,2 m hohen Albrechts­bergs am Rot­haar­kamm im Nor­den, der jedoch nur halb­sei­tig in Stadt und Land­kreis liegt.

Stadtgliederung

Die Kern­stadt Bad Ber­le­burg liegt in die Län­ge gezo­gen rechts und links an den Hän­gen des Tals der Ode­born, einem Neben­fluss der Eder. Im Tal lie­gen der Bahn­hof, die Ein­kaufs­stra­ße Post­stra­ße und der Markt­platz. Die Ober­stadt ist geprägt von größ­ten­teils gut erhal­te­nen schie­fer­ge­deck­ten Fach­werk­häu­sern und wird über­ragt vom Schloss mit Schloss­hof und Oran­ge­rie. Eben­falls in der Ober­stadt befin­det sich die evan­ge­li­sche Stadt­kir­che und der Goe­the­platz, um den sich eini­ge gas­tro­no­mi­sche Betrie­be ver­sam­meln. Die Kern­stadt hat ca. 7000 Einwohner.

Die ins­ge­samt 22 nomi­nel­len Außen­stadt­tei­le sind in Grö­ße und Struk­tur sehr ver­schie­den­ar­tig. Die bei­den ein­woh­ner­schwächs­ten Stadt­tei­le, die Wei­ler Stün­zel und Chris­ti­ans­eck, bestehen neben den namens­ge­ben­den Wohn­plät­zen noch aus jeweils zwei ande­ren. Auch Rin­the und Hem­schlar haben jeweils kei­ne eige­ne Kir­che und gehö­ren zum Kirch­spiel Raum­land. Schüllar ver­fügt eben­falls über kei­ne eige­ne Kir­che, jedoch steht unmit­tel­bar angren­zend in Wem­lig­hau­sen eine gemeinsame.

Die grö­ße­ren Dör­fer Aue und Win­ge­shau­sen im Wes­ten tei­len sich in vie­ler­lei Hin­sicht ihre Infra­struk­tur und ver­fü­gen auch über einen gemein­sa­men Dorf­ver­ein. Die Zuord­nung eini­ger Stra­ßen­zei­len zu Win­ge­shau­sen (Haupt­stra­ße: gera­de Haus­num­mern über 50In der Müs­se: Haus­num­mern bis 38 (gera­de) und bis 31 (unge­ra­de), Im Feld) ent­spricht auch nicht der von Lai­en erwar­te­ten, son­dern den his­to­ri­schen Gemar­kun­gen. An ande­rer Stel­le fol­gen die nomi­nel­len Stadt­tei­le wie­der­um nicht der Gemar­kung; so liegt der Wohn­platz Gars­bach auf Elsof­fer Gemar­kung, zählt jedoch zu Christianseck.

Zur Stadt Bad Ber­le­burg gehö­ren die fol­gen­den 23 Stadtteile:

Orts­teil
Höhe
ü. NHN
Flä­che
[km²]
Ein-
woh­ner
EW
/​km²
Teil­or­te
Lage
im Stadt­ge­biet
Alerts­hau­sen4374,6125956äußers­ter Osten
Arfeld38412,5781165Teil­or­te Im Ahlen und Steden­hofsüd­öst­lich der Kernstadt
Aue43110,8685178Teil­ort Müs­se (tw.)Wes­ten
Bad Ber­le­burg42043,306950161Wei­ler Meck­hau­senZen­trum und Nordnordwesten
Bed­del­hau­sen3598,3843151Wei­ler Vorm Tie­fen­bachäußers­ter Südosten
Berg­hau­sen42317,81135676Wei­ler Trüf­te und Saus­ei­fensüd­west­lich der Kernstadt
Chris­ti­ans­eck6006,019315Wohn­plät­ze Gars­bachHain­hofOsten
Diedens­hau­sen5036,1630550Teil­ort Sei­bels­bachäußers­ter Ostnordosten
Dotz­lar4376,34773122Teil­ort Laubroth, Wei­ler Meck­hau­sensüd­süd­öst­lich der Kernstadt
Elsoff38316,3960637äußers­ter Ostsüdosten
Girk­hau­sen48424,0379933Weiler/​Vorort Repprighausenäußers­ter Nordnordosten
Hem­schlar4703,7830079Wei­ler Renf­teSüd­süd­wes­ten
Raum­land4165,561316237Teil­ort Mark­hau­sensüd­süd­west­lich der Kernstadt
Rich­stein43814,6136425diver­se Wohnplätzeäußers­ter Südosten
Rin­the4844,0212731äußers­ter Südsüdwesten
Sas­sen­hau­sen5505,9723239Süden
Schüllar47311,0119418Höhen­wei­ler Küh­hu­denord­nord­öst­lich der Kernstadt
Schwar­zen­au3725,45731134Teil­ort (Obere/​Untere) HüttenthalOst­süd­os­ten
Stün­zel6005,265210Wohn­plät­ze Dreh­bach und Sohläußers­ter Süden
Wei­den­hau­sen5234,9542185Süden
Wem­lig­hau­sen44711,2171864nord­öst­lich der Kernstadt
Win­ge­shau­sen45632,67159549Teil­or­te Bracht, Teil­ort Müs­se (tw.), Wei­ler Hom­bergäußers­ter Westnordwesten
Wun­dert­hau­sen53214,3751936Wei­ler Lan­de­bachäußers­ter Nordosten

Geschichte

Frühgeschichte und Mittelalter

Gra­bungs­fun­de bestä­ti­gen die Besie­de­lung des heu­ti­gen Stadt­ge­bie­tes bereits im 7. Jahr­hun­dert vor Chr. Auf den Burg­ber­gen bei Aue, Dotz­lar und Wem­lig­hau­sen sind Spu­ren von Ring­wall­an­la­gen aus die­ser Zeit zu fin­den. Für die Zeit bis zum 8. Jahr­hun­dert feh­len aller­dings Hin­wei­se auf eine Besie­de­lung des Landes.

Die Stadt­tei­le Arfeld und Raum­land sind bereits in den Jah­ren 800/​802 nach Chr. urkund­lich erwähnt. Aus dem Jahr 1059 lie­gen Urkun­den vor, die die Sied­lun­gen Alerts­hau­sen, Bed­del­hau­sen, Elsoff und Schwar­zen­au bestä­tigt. Im Jah­re 1174 wur­de erst­mals der Name Widechin­stein erwähnt. Die Ort­schaft Ber­le­burg wird in den Urkun­den des Klos­ters Graf­schaft erst­mals 1258 als Ber­ne­borg erwähnt (in der Bedeu­tung Bären­burg‘ oder Burg des Bero‘). Die Burg ging am 30. März 1258 an den Gra­fen Sieg­fried I. und den Klos­ter­vogt Adolf I. von Graf­schaft über. 1322 wur­de die Dop­pel­herr­schaft in Ber­le­burg durch Wide­kind von Graf­schaft been­det, als er zu Guns­ten Sieg­frieds II. von Witt­gen­stein auf sei­ne Rech­te an der Stadt ver­zich­te­te. Als die­ser als letz­ter in dem Geschlecht der Witt­gen­stei­ner Gra­fen starb, trat sein Schwie­ger­sohn Salen­tin von Sayn das Erbe an und begrün­de­te das Haus Sayn-Witt­gen­stein. Wüs­tun­gen sind Mades­hau­sen sowie das 1395 erwähn­te Hadebirshausen.

Bau­res­te zeu­gen von einem mit­tel­al­ter­li­chen Klos­ter Bubenkirche.

Frühe Neuzeit

1488 und 1522 wüte­ten Groß­feu­er in der Stadt, die die­se weit­ge­hend vernichteten.

1506 wur­de die Graf­schaft Witt­gen­stein geteilt und Graf Johann bezog das alte Jagd­schloss Ber­le­burg und erhob die klei­ne damit ver­bun­de­ne Stadt zu sei­ner Resi­denz. Damit begann die spe­zi­el­le Ent­wick­lung der Stadt, die sie in den nächs­ten Jahr­hun­der­ten prä­gen soll­te. Zwar starb die neue Linie des Hau­ses Sayn-Witt­gen­stein mit Graf Johann aus, aber sein Nef­fe Graf Lud­wig d. Ä. aus der Süd­graf­schaft ver­leg­te nach Über­nah­me der Gesamt­re­gie­rung und Hei­rat 1559 eben­falls sei­nen Wohn­sitz auf die Ber­le­burg und bau­te das Schloss aus.

Nach dem Tode Graf Lud­wigs des Älte­ren im Jah­re 1605 ent­wi­ckel­te sich Ber­le­burg nach einer aber­ma­li­gen Lan­des­tei­lung zur Haupt- und Resi­denz­stadt der Nord­graf­schaft Sayn-Witt­gen­stein-Ber­le­burg, die im 18. Jahr­hun­dert ein Zen­trum der radi­kal-pie­tis­ti­schen Inspi­ra­ti­ons­be­we­gung in Deutsch­land war. Zwi­schen 1726 und 1742 wur­de dort die bekann­te Ber­le­bur­ger Bibel (umfasst acht Foli­o­bän­de) gedruckt.

Der reli­giö­sen Tole­ranz in den bei­den Witt­gen­stei­ner Graf­schaf­ten ent­sprach eine Dul­dungs­hal­tung gegen­über meh­re­ren Fami­li­en von in der zeit­ge­nös­si­schen Dik­ti­on als Hei­den“ bezeich­ne­ten Sin­ti. Sie waren im mili­tä­ri­schen und poli­zei­li­chen Dienst sowie als Bau­ar­bei­ter für die Witt­gen­stei­ner Lan­des­her­ren tätig und hat­ten sich um die Mit­te des 18. Jahr­hun­derts auf dem gräf­li­chen Hof­gut bei Saß­manns­hau­sen nie­der­las­sen kön­nen. Gegen Ende des Jahr­hun­derts wech­sel­ten ein­zel­ne von ihnen in die Ber­le­bur­ger Vor­stadt. Dort sie­del­ten sich im 19. Jahr­hun­dert und ver­stärkt seit der Refor­mie­rung des preu­ßi­schen Nie­der­las­sungs­rechts Fami­li­en von Sin­ti und von Jeni­schen in dem tra­di­tio­nel­len Armen­vier­tel am Bach Lau­se sowie am Alten­gra­ben und im benach­bar­ten Hem­schlar an. Von der Mehr­heits­be­völ­ke­rung und den Behör­den wur­den sie unter­schieds­los mit dem stig­ma­ti­sie­ren­den Eti­kett Zigeu­ner“ belegt und die Sied­lung ins­ge­samt als Zigeu­ner­ko­lo­nie“ bezeichnet.

Neuzeit

Im Gebiet um Raum­land und Dotz­lar wur­de bereits im 16. Jahr­hun­dert Schie­fer abge­baut. Ins­ge­samt gab es im Gebiet ca. 40 Gru­ben, wovon die Gru­ben Hör­re, Lim­burg und Del­le die bekann­tes­ten sein dürf­ten. Erz­berg­bau war um Bad Ber­le­burg im Ver­gleich zu ande­ren benach­bar­ten Gebie­ten nur sehr ver­ein­zelt vor­zu­fin­den. So gab es eini­ge klei­ne­re Gru­ben um Win­ge­shau­sen, Aue und bei Diedens­hau­sen. Die meis­ten Mutun­gen wur­den im 19. Jahr­hun­dert ein­ge­legt. Abbau exis­tie­re aber bereits zum Teil seit dem Mit­tel­al­ter. Heu­te deu­ten ledig­lich ein paar ver­blie­be­ne Hal­den und Stol­len­mund­lö­cher auf die eins­ti­ge Berg­bau­tä­tig­keit hin.

Witt­gen­stein wur­de 1806 dem Groß­her­zog­tum Hes­sen-Darm­stadt unter­stellt. Durch die Neu­ord­nung des Deut­schen Bun­des fiel Witt­gen­stein durch einen Ver­trag zwi­schen Öster­reich, Preu­ßen und Hes­sen-Darm­stadt vom 30. Juni 1816 an Preu­ßen und wur­de infol­ge der könig­li­chen Kabi­netts­or­der vom 23. Febru­ar 1817 dem Regie­rungs­be­zirk Arns­berg in der preu­ßi­schen Pro­vinz West­fa­len zuge­teilt und war Kreis­stadt des Krei­ses Wittgenstein.

1825 kam es zu einem ver­hee­ren­den Stadt­brand, der einen Scha­den von einer Vier­tel­mil­li­on Mark ver­ur­sach­te. In Ber­le­burg gab Hein­rich Mat­they 1852 mit dem Witt­gen­stei­ner Kreis­blatt die ers­te im Kreis Witt­gen­stein her­ge­stell­te Wochen­zei­tung heraus.

Mit dem Bau der Bahn­stre­cke Erndtebrück–Berleburg nach Ber­le­burg 1911 setz­te die Indus­tria­li­sie­rung ein, zunächst aller­dings nur auf die Holz­wirt­schaft beschränkt. Wei­te­re Indus­trie­zwei­ge kamen erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg hinzu.

Nationalsozialismus

In gro­ßer Zahl wech­sel­ten die Witt­gen­stei­ner Wäh­ler seit der Reichs­tags­wahl 1930 zu den Natio­nal­so­zia­lis­ten. Mit 35,1 % der Stim­men für die NSDAP setz­ten sich die Kreis­städ­ter an die Spit­ze des neu­en Trends (Reich: 18,3 %). Bei der Reichs­prä­si­den­ten­wahl 1932 bekam Hin­den­burg 35,2 % (Reich: 53 %), Hit­ler 49,4 % (Reich: 36,8 %; übri­ges Witt­gen­stein: 65,0 %). Die drei Reichs­tags- und Land­tags­wah­len 1932 erbrach­ten für die Natio­nal­so­zia­lis­ten über­durch­schnitt­li­che abso­lu­te Mehr­hei­ten von 53,8, 51,9 und 52,4 % (übri­ges Witt­gen­stein: 69,4, 65,5 und 67,4 %).

Die Macht­er­grei­fung der ver­bün­de­ten Rechts­kräf­te („Kabi­nett Hit­ler“) am 30. Janu­ar 1933 wur­de in der Regi­on bis ins kleins­te Dorf volks­fest­mä­ßig mit Fackel­zü­gen, Freu­den­feu­ern und Fest­ver­an­stal­tun­gen gefeiert.

Ein erst­ran­gi­ger Angriffs­punkt von Bür­ger­meis­ter und Stadt­ver­wal­tung wur­den die als Zigeu­ner“ dif­fa­mier­ten und dis­kri­mi­nier­ten Ber­le­bur­ger aus der Vor­stadt am Berg (An der Lau­se). Dabei ging es im Wesent­li­chen dar­um, Mit­tel für eine akti­ve Sozi­al­po­li­tik zuguns­ten der Mehr­heits­be­völ­ke­rung durch Ver­trei­bung und Ver­nach­läs­si­gung Min­der­wer­ti­ger“ zu beschaf­fen. Bereits kurz nach der Macht­über­ga­be streb­te der Bür­ger­meis­ter die Depor­ta­ti­on der Min­der­heit in ein über­wach­tes Bara­cken­la­ger an abge­le­ge­ner Stel­le der Lüne­bur­ger Hei­de“ an. Wie bei zahl­rei­chen nach­fol­gen­den Maß­nah­men ging die Orts­be­hör­de weit über die von den Ober­be­hör­den und zen­tral­staat­lich gesetz­ten Gren­zen hin­aus. Zahl­rei­che kom­mu­na­le, zen­tral­staat­li­che, pri­vat­wirt­schaft­li­che Instan­zen, Kir­chen­ge­mein­den und Ein­zel­per­so­nen tru­gen in einem ver­zweig­ten Arbeits­ver­bund die Aus­schluss­po­li­tik. Es kam u. a. zu loka­len Zuzugs‑, Einkaufs‑, Schul­ver­bo­ten, zur zeit­wei­li­gen Ein­schlie­ßung des Bergs („Bela­ge­rung“) und zu zahl­rei­chen, meist nicht geneh­mig­ten Sterilisierungsanträgen.

Am 16. Dezem­ber 1942 ord­ne­te der Ausch­witz-Erlass an, Zigeu­ner­misch­lin­ge (auch Meck­e­se“ genannt), Ròm-Zigeu­ner und nicht deutsch­blü­ti­ge Ange­hö­ri­ge zigeu­ne­ri­scher Sip­pen bal­ka­ni­scher Her­kunft … in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ein­zu­wei­sen“. Die Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen nah­men u. a. sozi­al ange­passt“ Leben­de, die schon vor Kriegs­be­ginn in fes­ter Arbeit“ gestan­den hat­ten und eine fes­te Woh­nung“ hat­ten, aus, was voll­stän­dig auf die Ber­le­bur­ger zutraf. Die ent­schei­den­de loka­le Selek­ti­ons­kon­fe­renz setz­te sich dar­über hin­weg. 134 Men­schen vom Berg“ und vom Alten­gra­ben, etwa die Hälf­te Kin­der, das jüngs­te drei Mona­te alt, wur­den am 9. März 1943 in das Zigeu­ner­la­ger Ausch­witz“ depor­tiert. Neun überlebten.

Die ver­las­se­nen Häu­ser wur­den zunächst durch Ange­hö­ri­ge der Mehr­heits­be­völ­ke­rung geplün­dert und ver­wüs­tet, bevor Stadt­ver­wal­tung und Finanz­amt sys­te­ma­tisch die ver­blie­be­ne Aus­stat­tung an sich nah­men, zu eige­nen Zwe­cken ver­wen­de­ten oder verkauften.

Im Zuge der anti­jü­di­schen Maß­nah­men seit der Macht­über­ga­be war 1935 auf einem Trans­pa­rent gegen­über dem Bahn­hof zu lesen: Juden sind hier uner­wünscht.“ Als in der Pogrom­nacht am 9. Novem­ber 1938 die Ber­le­bur­ger Syn­ago­ge ver­wüs­tet und das Inven­tar auf dem Markt­platz ver­brannt wur­de, betei­lig­ten sich über den Par­tei­ka­der hin­aus vie­le Ber­le­bur­ger, zustim­mend als Zuschau­er oder aktiv. Schau­fens­ter und Wohn­haus­fens­ter wur­den ein­ge­schla­gen, Geschäfts- und Woh­nungs­ein­rich­tun­gen demo­liert und geplün­dert. Im Amts­be­zirk gab es Aus­schrei­tun­gen zumin­dest in Schwar­zen­au und mut­maß­lich auch in Bed­del­hau­sen. Im Anschluss dar­an wur­den die jüdi­schen Män­ner in das KZ Sach­sen­hau­sen depor­tiert. Ver­mehrt flüch­te­ten jüdi­sche Ber­le­bur­ger ins Aus­land und in die Groß­städ­te. Das hin­ter­las­se­ne Eigen­tum ging an die Mehr­heits­be­völ­ke­rung und den Staat.

Von den am 28. April 1942 ins Ghet­to Zamość (Polen), am 27. Juli 1942 in das KZ The­re­si­en­stadt und am 27. Febru­ar 1943 in das KZ Ausch­witz-Bir­ken­au depor­tier­ten 25 Ber­le­bur­gern über­leb­te nur ein Mensch. Zehn von ihnen wur­den aus ihren Fluch­tor­ten ver­schleppt. Im Sep­tem­ber 1944 ging ein Trans­port von jüdisch Ver­sipp­ten“ aus Misch­ehen sowie von jüdi­schen Misch­lin­gen ers­ten Gra­des“ zur Zwangs­ar­beit in ver­schie­de­ne Arbeits­la­ger der Orga­ni­sa­ti­on Todt (Son­der­kom­man­do J). 1942 wur­den 18 Schwar­zen­au­er, 10 davon inzwi­schen weg­ge­zo­gen, 3 inzwi­schen weg­ge­zo­ge­ne Arfel­der, 4 Bed­del­häu­ser und 7 Elsof­fer depor­tiert, von denen kei­ner über­leb­te. 1944 wur­de eine mit einem Nicht­ju­den ver­hei­ra­te­te Schwar­zen­aue­rin mit ihrer Toch­ter zur Zwangs­ar­beit nach Ber­lin ver­schleppt. Sie über­leb­ten bei­de. Die Depor­ta­tio­nen hat­ten einen wei­te­ren Umver­tei­lungs­schub zur Folge.

Von den zu Beginn der 1930er Jah­re etwa 3300 Ein­woh­nern wur­den etwa 8 % als Zigeu­ner“, Juden, Aso­zia­le“ oder Kom­mu­nis­ten – die Zuord­nun­gen über­schnit­ten sich – in die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­schleppt, die sie über­wie­gend (etwa 170 oder 5 % der Bevöl­ke­rung) nicht über­leb­ten. Hin­zu­zu­fü­gen sind die den Kran­ken­mor­den (Eutha­na­sie) zum Opfer Gefal­le­nen. Damit dürf­te Ber­le­burg zu den am stärks­ten von der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­po­li­tik betrof­fe­nen deut­schen Städ­ten gehören.

Die ein­zi­gen bei­den Straf­pro­zes­se gegen Ver­ant­wort­li­che des Por­aj­mos an den euro­päi­schen Roma, die mit Ver­ur­tei­lun­gen ende­ten, hat­ten Ereig­nis­se in Ber­le­burg bzw. Hand­lun­gen von Akteu­ren aus Ber­le­burg zum Gegen­stand (1948÷49, 19871991, jeweils vor dem Land­ge­richt Siegen).

Nach Pha­sen des Schwei­gens und der Kon­tro­ver­se gibt es inzwi­schen Gedenk­stei­ne für die bei­den ras­sis­tisch ver­folg­ten Min­der­hei­ten. Am 18. Juni 2007 beschloss der Rat der Stadt, Stol­per­stei­ne des Köl­ner Künst­lers Gun­ter Dem­nig ver­le­gen zu las­sen. Die Ver­le­gung begann am 2. Sep­tem­ber 2008 im Rah­men der Fei­er zum 750-jäh­ri­gen Stadtjubiläum.

Jüngste Zeitgeschichte

Bereits seit 1935 ist die Stadt wegen des scho­nen­den bis reiz­mil­den Kli­mas als Luft­kur­ort aner­kannt. Nach 1949 wur­de die Kli­nik Witt­gen­stein als psy­cho­so­ma­ti­sches Kran­ken­haus errich­tet, das bis heu­te unter der Trä­ger­schaft des Evan­ge­li­schen Johan­nes­wer­kes steht.

Mit der staat­li­chen Aner­ken­nung als Kneipp-Kur­ort wur­de am 1. Juli 1971 der Namens­zu­satz Bad ver­lie­hen und seit­dem lau­tet der Name Bad Ber­le­burg. Die staat­li­che Aner­ken­nung als Heil­bad erfolg­te 1974.

Im Novem­ber 2013 wur­de in der ehe­ma­li­gen Rot­haar­kli­nik am Spiel­acker eine Not­un­ter­kunft für ca. 300 Flücht­lin­ge ein­ge­rich­tet. Im August 2014 wur­de die Kapa­zi­tät auf 450 Flücht­lin­ge erhöht. Im Mai 2015 wur­de die Not­un­ter­kunft für Flücht­lin­ge in der ehe­ma­li­gen Kli­nik in eine Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung (Zen­tra­le Unter­brin­gungs­ein­rich­tung) des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len für ca. 500 Flücht­lin­ge umge­wan­delt. Anfang 2019 wur­de die­se aber auf­grund von Pro­ble­men mit dem Sicher­heits­dienst geschlossen.

Eingemeindungen

Am 1. Janu­ar 1975 wur­de durch das Sauer­lan­d/­Pa­der­born-Gesetz das umlie­gen­de Amt Ber­le­burg auf­ge­löst und kam größ­ten­teils zur Stadt Bad Ber­le­burg. Es ent­stand durch die Ein­glie­de­rung der bis­he­ri­gen Gemein­den Alerts­hau­sen, Arfeld, Aue, Bed­del­hau­sen, Berg­hau­sen, Diedens­hau­sen, Dotz­lar, Elsoff, Girk­hau­sen (gro­ßen­teils), Hem­schlar, Raum­land, Rich­stein, Rin­the, Sas­sen­hau­sen, Schüllar, Schwar­zen­au, Stün­zel (gro­ßen­teils), Wei­den­hau­sen, Wem­lig­hau­sen, Win­ge­shau­sen und Wun­dert­hau­sen eine der flä­chen­größ­ten Städ­te in Nord­rhein-West­fa­len. Die Ort­schaf­ten Hohe­leye, Lan­ge­wie­se, Moll­sei­fen und Neu­as­ten­berg wur­den dem neu gegrün­de­ten Hoch­sauer­land­kreis zuge­teilt. Sie sind seit­dem Stadt­tei­le von Win­ter­berg. Die Ort­schaf­ten Bal­de, Bir­kel­bach (Erndte­brück), Bir­ke­fehl, Leim­struth und Womels­dorf kamen zur Gemein­de Erndte­brück. Gleich­zei­tig wur­de der Kreis Witt­gen­stein mit dem bis­he­ri­gen Kreis Sie­gen zum neu­en Kreis Sie­gen zusam­men­ge­fasst. Am 1. Janu­ar 1984 erfolg­te die Umbe­nen­nung des Krei­ses Sie­gen in Kreis Siegen-Wittgenstein.

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