Amalienhütte (Eisenwerk)

Die Ama­li­en­hüt­te in Bad Laas­phe-Nie­der­l­aas­phe war ein Eisen­werk. Die ehe­ma­li­ge Trans­for­ma­tor­sta­ti­on ist heu­te ein Indus­trie­mu­se­um. Das Gebäu­de­en­sem­ble wur­de am 1. Juli 1991 in die Denk­mal­lis­te der Stadt Bad Laas­phe ein­ge­tra­gen. Sie war eine der jün­ge­ren Hüt­ten im Witt­gen­stei­ner Land, als sie von der Fami­lie Jung 1850 in Betrieb genom­men wur­de. Jedoch reich­te die Eisen­ver­hüt­tung und ‑ver­ar­bei­tung an die­sem Stand­ort bis ins frü­he 18. Jahr­hun­dert zurück. Es war sehr häu­fig im Mon­tan­ge­wer­be zu beob­ach­ten, dass sol­che Ört­lich­kei­ten über einen län­ge­ren Zeit­raum auf­grund ihrer natür­li­chen Vor­tei­le wie Was­ser­reich­tum zum Antrieb der Geblä­se und Häm­mer sowie Holz­reich­tum zur Holz­koh­len­ge­win­nung für die Hüt­ten und Schmie­den genutzt wurden.

Die frühe Nutzung

Graf Hen­rich Albrecht zu Sayn-Witt­gen­stein-Hohen­stein (16581723) erteil­te am 6. April 1707 den aus Dil­len­burg stam­men­den Gewer­ken Johann Hen­rich, Wil­helm Hei­ders­dorf, Anto­ni­us Berg­mann und Hans-Georg Wit­tich eine Kon­zes­si­on zum Bau eines Eisen­ham­mers am Wei­her von Nie­der­l­aas­phe. Die­se Gewer­ken ver­füg­ten über aus­rei­chen­de Erfah­run­gen im Eisen­hüt­ten­we­sen und besa­ßen auch das not­wen­di­ge Kapi­tal zur Errich­tung und den Betrieb einer Eisen­hüt­te. Der Lan­des­herr unter­stütz­te mit finan­zi­el­len Ver­güns­ti­gun­gen den Bau des Eisen­ham­mers. Er for­der­te nur 20 Reichs­ta­ler für den Bezug des not­wen­di­gen Bau­hol­zes aus den lan­des­herr­schaft­li­chen Fors­ten zur Errich­tung des Ham­mers, des Koh­len­schup­pens und der Wohn­häu­ser ein. Auch brauch­ten die Gewer­ken ledig­lich einen gerin­gen Was­ser­zins für den lau­fen­den Betrieb zu ent­rich­ten. Der Ham­mer ging am 1. Sep­tem­ber 1707 mit zwei Her­den in Betrieb und stell­te zunächst Sta­bei­sen zur wei­te­ren Ver­ar­bei­tung her.

Der Eisen­ham­mer wech­sel­te bis zum Erwerb durch die Fami­lie Jung 1847 mehr­fach sei­nen Besit­zer. Die letz­ten Betrei­ber waren der Apo­the­ker Dörung aus Dil­len­burg von 1835 bis zu sei­nem Kon­kurs 1845 und anschlie­ßend Fürst Alex­an­der von Sayn-Witt­gen­stein, der ihn im sel­ben Jahr in einer Zwangs­ver­stei­ge­rung für 4.951 Taler erwor­ben hatte.

Die Familie Jung und die Amalienhütte

Johann Jakob Jung gab nach der geschei­ter­ten Pach­tung der Neu­hüt­te 1845 sein Vor­ha­ben, eine wei­te­re Hüt­te zu betrei­ben, nicht auf. Er nutz­te sei­ne guten Kon­tak­te aus sei­ner Zeit als Witt­gen­stei­ner Berg­werks­di­rek­tors, und ver­han­del­te mit der Sayn-Witt­gen­stei­ner Fürs­ten­fa­mi­lie um den Erwerb des Eisen­ham­mers. J.J. Jung han­del­te sehr weit­sich­tig, da die ver­füg­ba­ren Holz­res­sour­cen im Nas­saui­schen zur Holz­koh­len­her­stel­lung für den Hoch­ofen­be­trieb immer wei­ter abnah­men und einen durch­ge­hen­den Hüt­ten­be­trieb stark ein­schränk­ten. Das Fürs­ten­tum Witt­gen­stein hin­ge­gen ver­füg­te noch über aus­rei­chen­de Holz­vor­kom­men zur Holzkohlengewinnung.

Nach dem Tod von Johann Jakob Jung im Janu­ar 1847 führ­te sei­ne Ehe­frau Ama­lie (17821850), eine Toch­ter des nas­saui­schen Pro­ku­ra­tors Carl Chris­ti­an Becker (17421802), als allei­ni­ge Erbin der Fir­ma J.J. Jung mit der Unter­stüt­zung ihrer Söh­ne und Schwie­ger­söh­ne die Ver­hand­lun­gen zum Erwerb des Eisen­ham­mers fort. Ihr Schwie­ger­sohn August Her­wig (17981859), der mit ihrer ältes­ten Toch­ter Loui­se (18061877) ver­hei­ra­tet war, konn­te die Ver­hand­lun­gen erfolg­reich abschlie­ßen. Der Kauf­ver­trag kam am 1. Okto­ber 1847 zustan­de. Das Fürs­ten­haus ver­kauf­te der Frau ver­witt­we­ten Hüt­ten­in­spek­tor Jung den Nie­der­l­aas­pher Ham­mer zum Betrag von 4.695 Talern. Der Ver­trag umfass­te Haus, Ham­mer und Hof­raum und alle dar­auf­ste­hen­de Gebäu­de, ins­be­son­de­re Wohn­haus, Eisen­kam­mer, den Ham­mer selbst, Koh­len­schop­pen mit ange­bau­tem Holz­schop­pen, Scheu­ne mit ansto­ßen­dem Schwei­ne­stall und Back­haus. Zudem sah der Ver­trag vor, dass auf dem Gelän­de ein Hüt­ten­werk errich­tet wer­den muss­te und die­ses kon­ti­nu­ier­lich in Betrieb gehal­ten wurde.

Der Bau des Hoch­ofen­wer­kes ver­zö­ger­te sich jedoch, da der Frei­herr Karl Franz Adolf von Wit­ten­ge­stein (18091866) als Betrei­ber der Fried­richs­hüt­te Wett­be­werbs­nach­tei­le befürch­te­te und beim zustän­di­gen Ober­berg­amt in Bonn Ein­spruch erhob. Nach­dem die­ser abge­lehnt wor­den war, wur­de am 30. Dezem­ber 1848 die Bau­ge­neh­mi­gung für das Hüt­ten­werk erteilt. Die Fami­lie Jung errich­te­te im dar­auf­fol­gen­den Jahr den Hoch­ofen und erneu­er­te das Ham­mer­werk. Der ers­te Abstich erfolg­te am 16. Febru­ar 1850 in Anwe­sen­heit von Ama­lie Jung und das Hoch­ofen­werk erhielt ihr zu Ehren den Namen Ama­li­en­hüt­te“.

Die Ama­li­en­hüt­te beschäf­tig­te wie die Eibels­häu­ser Hüt­te 20 Arbei­ter. Das Eisen­erz kam aus dem Schel­der Wald, wo die Fami­lie Jung zahl­rei­che Gru­ben besaß. Die Ama­li­en­hüt­te pro­du­zier­te 1851 bereits 26.000 Zent­ner Roh­ei­sen im Wert von 39.000 Talern. Der ange­schlos­se­ne Stab­ham­mer erzeug­te 383 Zent­ner Sta­bei­sen mit einem Ver­kaufs­wert von 1.595 Talern. Die Hüt­te bestand 1866 neben dem Hoch­ofen aus einer Schlos­se­rei und einer For­me­rei zur Her­stel­lung der Guss­for­men. Die Zahl der Beschäf­tig­ten stieg kon­ti­nu­ier­lich an und lag 1875 bei 111 Arbei­tern und 1897 bei 269 Arbei­tern sowie 10 Angestellten.

Die Ama­li­en­hüt­te fir­mier­te zusam­men mit der Eibels­häu­ser Hüt­te als Unter­neh­men J.J. Jung. Eine Wer­be­an­zei­ge des Unter­neh­mens im Hand­buch der Leis­tungs­fä­hig­keit der gesam­ten Indus­trie Deutsch­lands, Öster­reichs, Elsass-Loth­rin­gens und der Schweiz von 1873 lie­fert fol­gen­de Anga­be zur Pro­duk­ti­on und zu den her­ge­stell­ten Produkten:

Hoch­ofen­be­trieb, Fabrik von Eisen­guss­waa­ren, Ham­mer­werks­be­trieb, Maschinen=Fabrik liefern:

1. Roh­ei­sen aus bes­ten nas­saui­schen Erzen und rein bei Holz­koh­len erblasen.

2. Oefen, Heer­de, Maschi­nent­hei­le, Gar­ten­mö­bel und ver­schie­de­ne Guss­waa­ren – ele­gan­te Form und dün­ner Guss bei aus­ge­zeich­ne­ter Halt­bar­keit, direkt aus dem Hoch­ofen gegossen.

Die Fami­lie Jung glie­der­te 1883 die Ama­li­en­hüt­te in den neu­ge­grün­de­ten Hes­sen-Nas­saui­schen Hüt­ten­ver­ein (HNHV) ein. Sie nahm 1883 die ers­ten Kupol­öfen zur Erzeu­gung des Gieß­ro­h­ei­sens in Betrieb. Ent­schei­dend für die wei­te­re Ent­wick­lung der Hüt­te war die Eröff­nung der Bahn­li­nie von Cöl­be bei Mar­burg nach Laas­phe im Jah­re 1883. Die Ama­li­en­hüt­te erhielt end­lich den von der Fami­lie Jung gefor­der­ten Bahn­an­schluss und war dadurch mit der wich­ti­gen Eisen­bahn­stre­cke der Main-Weser-Bahn ver­bun­den. Im Jah­re 1889 ging auch der Stre­cken­ab­schnitt bis Kreuz­tal in Betrieb, womit es end­lich eine direk­te Ver­bin­dung zum Ruhr­ge­biet gab, um von dort den für die Behei­zung der Kupol­öfen not­wen­di­gen Koks preis­güns­tig über den Schie­nen­weg zu beziehen.

Die Ama­li­en­hüt­te leg­te als eine der letz­ten Hüt­ten in der Lahn-Dill-Regi­on Ende der 1880er Jah­re ihren Holz­koh­len­hoch­ofen still und wan­del­te sich zu einem rei­nen Gie­ße­rei­be­trieb mit zwei Kupol­öfen, die täg­lich 13 Ton­nen Guss­ei­sen für den Maschinen‑, Ofen- und Herd­bau erzeug­ten, um. Sie muss­te nun wie die ande­ren Hüt­ten des HNHV‘s ihr Gieß­ro­h­ei­sen von aus­wär­ti­gen Anbie­tern bezie­hen und war somit stark von den kon­junk­tu­rel­len Schwan­kun­gen des Roh­ei­sen­mark­tes abhän­gig. Erst mit der Inbe­trieb­nah­me des Hoch­ofen­wer­kes Ober­scheld durch den HNHV 1905 konn­te sie wie­der auf eine kon­zern­ei­ge­ne Roh­ei­sen­er­zeu­gung zurückgreifen.

Der Übergang der Amalienhütte auf den Buderus-Konzern

Die Ama­li­en­hüt­te blieb bis zum Über­gang auf den Bude­rus-Kon­zern 1932 ein bedeu­ten­der Stand­ort inner­halb des Hes­sen-Nas­saui­schen Hüt­ten­ver­eins. Der HNHV inves­tier­te in den 1920er Jah­ren in die Moder­ni­sie­rung aller sei­ner Stand­or­te, geriet aber in der Welt­wirt­schafts­kri­se in erheb­li­che finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten. Er muss­te infol­ge sei­ner Über­schul­dung 1932 mit den Buderus’schen Eisen­wer­ken eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft ein­ge­hen und wur­de schließ­lich 1935 voll­stän­dig mit der Ama­li­en­hüt­te von Bude­rus übernommen.

Bude­rus erwei­ter­te die Pro­duk­ti­on auf der Ama­li­en­hüt­te, die 1938 täg­lich 40 Öfen und 20 Her­de pro­du­zier­te. Dane­ben erzeug­te sie Wirt­schafts­guss wie Rah­men, Vor­stell­plat­ten, Gesim­se für Kachel­öfen, Maschi­nen­tei­le oder Stän­der. Die Pro­duk­te wur­den haupt­säch­lich in die Nie­der­lan­de und die Schweiz gelie­fert. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges wur­de die Ama­li­en­hüt­te zuneh­mend in die Pro­duk­ti­on von Rüs­tungs­gü­tern eingebunden.

Die Ama­li­en­hüt­te konn­te in den 1950er Jah­ren wäh­rend des Wie­der­auf­baus ihre Herd- und Ofen­pro­duk­ti­on wie­der stark aus­bau­en, aber bereits 1958 wur­de mit der zuneh­men­den Bedeu­tung von Zen­tral­hei­zun­gen sowie Öl- und Gas­öfen die tra­di­tio­nel­le Ofen­pro­duk­ti­on ein­ge­stellt. Bude­rus ver­la­ger­te und kon­zen­trier­te die Pro­duk­ti­on suk­zes­siv auf ande­re kos­ten­güns­ti­ge­re Stand­or­te inner­halb des Kon­zerns und die Ama­li­en­hüt­te geriet immer stär­ker unter Kos­ten­druck. Der letz­te Kupo­lo­fen wur­de 1968 still­ge­legt. Die Ama­li­en­hüt­te über­nahm nur noch Auf­trags­ar­bei­ten von den ande­ren Stand­or­ten. Aller­dings wur­de ihr Betrieb immer unren­ta­bler und schließ­lich wur­de sie in Fol­ge eines kon­zern­in­ter­nen Umstruk­tu­rie­rungs­pro­zes­ses 1975 stillgelegt.

Der heutige Standort der Amalienhütte

Heu­te exis­tie­ren nur noch weni­ge Gebäu­de der ehe­ma­li­gen Ama­li­en­hüt­te. So ste­hen noch die Werks­woh­nung des Hüt­ten­di­rek­tors, ein Pro­duk­ti­ons­ge­bäu­de, eine Trans­for­ma­to­ren­sta­ti­on sowie das Wie­ge­häus­chen vor der Werks­zu­fahrt. Des Wei­te­ren sind noch Tei­le des Gleis­an­schlus­ses sowie der ehe­ma­li­ge Hüt­ten­bahn­hof vorhanden.

Die Trans­for­ma­to­ren­sta­ti­on von 1924 ist ein Nach­fol­ge­bau aus dem Jah­re 1923 und war zunächst Teil der Ring­lei­tung der von der Fami­lie Jung betrie­be­nen Hes­sen-Nas­saui­schen Überlandzentrale.Sie ver­sorg­te die Ama­li­en­hüt­te mit elek­tri­scher Ener­gie. Spä­ter war die­se Sta­ti­on End­punkt drei­er Ver­bund­net­ze, und zwar von der Nas­saui­schen Ener­gie­ge­sell­schaft m.b.H. in Ober­scheld, vom Zweck­ver­band Über­land­werk Eder­s­tal­sper­re und vom Elek­tri­zi­täts­ver­band Büren-Bri­lon-Witt­gen­stein, die die Hüt­te gemein­sam mit Strom ver­sorg­ten. Das Trans­for­ma­to­ren­haus behei­ma­tet heu­te ein tech­ni­sches Hüt­ten­mu­se­um. Es ist das ein­zi­ge Muse­um auf einem Gelän­de der ehe­mals zahl­rei­chen Hüt­ten in der Lahn-Dill-Regi­on und erin­nert an die bedeu­ten­den Zei­ten der dor­ti­gen Eisen­ge­win­nung und ‑ver­ar­bei­tung.

Die Aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Trans­for­ma­to­ren­haus zeigt anhand zahl­rei­cher Ori­gi­nal­ex­po­na­te einen his­to­ri­schen Über­blick zur Kul­tur- und Tech­nik­ge­schich­te der Strom­erzeu­gung und ‑ver­sor­gung in der Lahn-Dill-Regi­on. In den bei­den Stock­wer­ken wer­den zahl­rei­che zeit­ge­nös­si­sche Schal­ter­ge­rä­te, Ver­tei­ler­an­la­gen sowie Schutz- und Mess­ein­rich­tun­gen prä­sen­tiert. Im Unter­ge­schoss befin­den sich an drei Wän­den 15 Mar­mor­ta­feln mit Bedie­nungs­ele­men­ten und Mess­ge­rä­ten einer Nie­der­span­nungs­ver­tei­lung von 1913, die ursprüng­lich aus einer Anla­ge der ehe­ma­li­gen Buderus‘schen Eisen­wer­ke in Hir­zen­hain stamm­te und vor dem Abriss geret­tet wer­den konnte.

Neben der Trans­for­ma­to­ren­sta­ti­on liegt ein klei­ner Müh­len­teich, des­sen Was­ser als Antriebs­en­er­gie für zahl­rei­che Was­ser­rä­der und Tur­bi­nen dient. Die­ses Aus­stel­lungs­en­sem­bel soll mit auf die Geschich­te der Ama­li­en­hüt­te ver­wei­sen, die aus einem was­ser­rad­an­ge­trie­be­nen Ham­mer­werk her­vor­ging und deren Strom­erzeu­gung noch bis 1965 zum Teil mit­tels Was­ser­tur­bi­nen erfolgte.

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